Befestigungstechnik für den Jeddah Tower – Projekthintergründe

Jeddah Tower über 1 km hoch und über 150 Stockwerke in Dschidda

Der Bau des Jeddah Towers im saudi-arabischen Dschidda verschiebt die Grenzen des Hochbauingenieurwesens. Mit einer geplanten Gesamthöhe von über 1.000 Metern und über 150 Stockwerke setzt das Projekt neue Maßstäbe für Tragwerk, Gebäudehülle und Infrastruktur. Bei Vertikallasten und Windmomenten dieser Größenordnung rückt die Verankerungstechnik als Nahtstelle zwischen Haupttragwerk und Ausbau direkt in den Fokus der Sicherheitsbetrachtung. Laut einer aktuellen Mitteilung der Unternehmensgruppe fischer liefert der schwäbische Befestigungsspezialist aus Waldachtal die maßgeblichen Stahl- und Chemieankersysteme für das Megabauwerk. Dieser Artikel gibt Hintergründe zum Projekt.

Autor: Thomas W. Frick (LinkedIn-Profil / Xing-Profil)

Herausforderndes Anforderungsprofil aufgrund Winddynamik und Korrosionsklasse C5

Um die Bemessungskriterien der Verankerungspunkte beim Jeddah Tower zu verstehen, müssen die klimatischen und statischen Randbedingungen betrachtet werden:

  • Windlasten und Dynamik
    Der Winddruck nimmt mit der Höhe exponentiell zu. An der Gebäude-Silhouette entstehen erhebliche Querkräfte und Schwingungen. Die Verankerungssysteme der Fassadenelemente müssen diese zyklischen Wechselbelastungen aufnehmen, ohne dass es zu Mikrorissen oder Ausbrüchen im Beton kommt.
  • Aggressive Atmosphäre (Korrosion)
    Die unmittelbare Nähe zum Roten Meer bedingt eine hohe Chloridbelastung in der Außenluft. In Kombination mit hohen Temperaturen erfordert dies Befestigungselemente der Korrosionsbeständigkeitsklasse CRC IV / CRC V (hochlegierte Edelstähle wie 1.4529 / HCR), um Spannungsrisskorrosion zu vermeiden.
  • Betongüte und Rissbildung
    Das vom US-Ingenieurbüro Thornton Tomasetti konstruierte Tragwerk nutzt hochfesten Beton. Unter Wind- und Eigengewichtsbelastung geraten Betonzonen in die Zugzone (Rissbeton). Die eingesetzten Anker müssen nach EOTA/ETA für die Anwendung in gerissenem Beton unter seismischer und dynamischer Beanspruchung (Leistungskategorien C1/C2) zugelassen sein.

Injektionsmörtel vs. Mechanische Anker

Die Trennung zwischen chemischen und mechanischen Systemen erfolgt anhand der Lastabtragung und der Randabstände im Bauteil. Was wo eingesetzt wird zeigt die folgende Tabelle:

System Funktionsprinzip Typischer Einsatzbereich
im Jeddah Tower
Technische Vorteile
Chemische Verbundanker (Injektionsmörtel) Stoffschluss: Zweikomponenten-Harz (Epoxy / Vinylester) dringt in die Bohrlochwand ein und härtet schrumpffrei aus. Schwerlast-Fassadenkonsolen, nachträgliche Bewehrungsanschlüsse, kantennahe Verankerungen. Spreizdruckfrei: Erlaubt geringe Achs- und Randabstände. Hohe Lastaufnahmen selbst in gerissenem Beton.
Mechanische Schwerlastanker (Stahlanker) Form- & Reibschluss: Kontrolliertes Nachspreizen beim Anziehen mit Drehmoment. Befestigung von TGA-Trassen, Versorgungsschächten, Aufzugsanlagen und Binneninfrastruktur. Sofortige Belastbarkeit: Kein Aushärteprozess nötig. Hohe Querkrafttragfähigkeit bei effizienter Montagezeit.

Risikomanagement auf der Baustelle, der Faktor Mensch

Für das Projektmanagement ist die Materialqualität nur die eine Hälfte der Gleichung. Die Schwachstelle chemischer Dübelsysteme liegt in der Verarbeitungsqualität vor Ort. Verbleibt Bohrmehl im Bohrloch, sinkt die Adhäsionskraft des Harzes an der Betonwand signifikant, die rechnerische Tragfähigkeit bricht um bis zu 50 Prozent ein.

fischer adressiert dieses Ausführungsrisiko durch ein integriertes Servicekonzept:

  • Vor-Ort-Engineering
    Anwendungstechniker des Herstellers schulen das Baustellenpersonal direkt in Dschidda in den zertifizierten Reinigungs- und Injektionsverfahren.
  • In-situ-Zugversuche
    Mittels mobiler Prüfgeräte werden Auszugsversuche direkt am verbauten Material durchgeführt, um die theoretischen Bemessungswerte im realen Baugrund zu validieren.

Wirtschaftliche Einordnung

Aus Sicht des Bauherrn (Jeddah Economic Company) und der ausführenden Generalunternehmer ist die Verankerungstechnik prozentual gesehen ein kleiner Kostenfaktor der geschätzten 1,5 Milliarden Euro Baukosten.

Aus Risikosicht ist sie jedoch kritisch: Der Ausfall einer einzelnen Fassadenbefestigung in 700 Metern Höhe hätte katastrophale Folgen.

Dass die Wahl nach dem Burj Khalifa (828 m), dem Ain Dubai und dem Louvre Abu Dhabi erneut auf den Hersteller aus Waldachtal fiel, unterstreicht die Strategie internationaler Konsortien. Bei Extrembauwerken wird das Ausführungsrisiko durch den Rückgriff auf erprobte Systemanbieter mit eigener Ingenieur-Expertise vor Ort minimiert.

Warum fehlen weitere Projektdetails?

Die Unternehmensgruppe fischer hat Mitte August 2026 eine offizielle Pressemitteilung herausgegeben. PR-Texte von Herstellern richten sich meist an die allgemeine Wirtschafts- und Tagespresse. Daher halten Unternehmen detaillierte Spezifikationen, etwa welche konkreten Dübelserien, Bohrlochdurchmesser, Verankerungstiefen oder Edelstahlqualitäten an welchen Achsen eingesetzt werden, oft zurück. Zum einen aus Wettbewerbsgründen, zum anderen, weil die Gesamtstatik und die Fachplanung des Turms beim US-Ingenieurbüro Thornton Tomasetti liegen.

Dennoch lassen sich aus den offiziellen Angaben der fischer-Pressemeldung, der Fachberichterstattung (u. a. ingenieur.de, Baublatt) sowie den Grundsätzen der Verankerungstechnik im Hochbau sehr präzise technische Zusammenhänge ableiten.

Was in der Pressemitteilung offiziell steht

  • Produkte
    fischer liefert eine Kombination aus Stahlankern (mechanischen Schwerlastankern) und chemischen Befestigungssystemen (Injektionsmörteln).
  • Einsatzbereich
    Die Systeme sichern kritische Lastpunkte in der Gebäudehülle (Fassade), dem Innenausbau und der Gebäudetechnik (HVAC/TGA).
  • Projektrahmen
    Der Jeddah Tower erreicht über 1.000 Meter Höhe bei rund 530.000 m² Nutzfläche. Der Untergrund ruht auf 270 Bohrpfählen.
  • Begleitende Dienstleistung
    fischer stellt Anwendungstechniker direkt auf der Baustelle in Dschidda, die Qualitätsprüfungen und Montageschulungen begleiten.

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