Digitalisierungswüste Deutschland? Warum und wo wir tatsächlich hinterherhinken

Füttert man Google mit „Digitalisierung Deutschland“ könnte man den Eindruck gewinnen, dass „düster“ noch ein geschöntes Adjektiv für den Ist-Zustand sei. „Deutschland verbaut sich seine digitale Zukunft“ titelt die „Welt“. „Verliert Deutschland bei der Digitalisierung den Anschluss?“ fragt „Capital“ mit bangem Unterton, während die „FAZ“ konstatiert: „Deutschland hat den Anschluss bereits verloren“ – alle Meldungen wohlgemerkt Ende 2018 und 2019 verfasst. Fast schon positiv inmitten dieses Fatalismus klingt das Fraunhofer-Institut in einer Pressemeldung: „ein ungleiches Rennen“ schreibt man dort. Fakt ist, in der öffentlichen Wahrnehmung rangiert die Digitalisierung der Bundesrepublik irgendwo zwischen „katastrophal“ und „höchst mangelhaft“. Doch entspricht das auch der Realität und wenn ja warum? Der Beantwortung dieser Fragen widmet sich der folgende Artikel.

Autor: Thomas W. Frick , 16.09.2019, Thema: Digitalisierungswüste

Ein heterogenes Bild der Digitalisierung

Dabei muss man feststellen, ist es nicht nur für Laien relativ schwierig, sich ein realitätsbezogenes Bild zu machen. Dazu ist der Tenor der Meldungen zu deutlich negativ. Ironisiert etwa ein allgemein als Experte für die digitale Thematik bekannter Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne

„Ich möchte eine neue, offizielle Staatsflagge für Deutschland vorschlagen.
Sie sieht aus wie die alte, aber ergänzt um weiße Flecken in der Mitte,
die natürlich für Funklöcher stehen“

bekommt selbst derjenige, der keinerlei mobile Verbindungsschwierigkeiten hat, den Eindruck, dass es in der Republik katastrophal aussehen müsse.

Tatsächlich muss man jedoch als kleines Vorab-Fazit feststellen, dass es im höchsten Maß vereinfacht ist, „die“ Digitalisierung in Deutschland als grundsätzlich negativ darzustellen. Aus mehreren Gründen:

a. Digitalisierung wird heutzutage häufig als Synonym für einen schwammigen Bereich zwischen Internet und Endgeräten und somit übersimplifiziert verwendet. Ähnlich wie Mobilität sich meist fälschlicherweise nur aufs Auto bezieht. Tatsächlich ist Digitalisierung eine deutlich diversere Disziplin, die sehr viel mehr Inhalte aufweist, etwa die Industrie 4.0 oder auch Logistik und künstliche Intelligenz.

b. Viele Meldungen richten sich an den privaten Endanwender. Auch das ist eine zu enge Sichtweise, da sich Digitalisierung hierzulande (wie überall auf der Welt) zumindest auf einen Dreiklang aus Wirtschaft, Privatanwender und Politik/Verwaltung stützt. Wobei auch dies nur Oberbegriffe sind, innerhalb derer weitere Unterteilungen vonnöten sind.

c. Es werden als Maßstab für den internationalen Vergleich häufig nur einzelne Punkte aufgegriffen etwa die Anzahl von Tech-Unternehmen. Dabei steht dann jedes Land schlecht da, das keine derartigen Symbolträger vorweisen kann – obwohl es an der dortigen Gesamt-Digitalisierung vielleicht nur wenig zu kritisieren gibt.

Zudem sollte man zumindest am Rande auch erwähnen, dass es eine psychologisch-mediale Tatsache ist, dass schlechte Botschaften grundsätzlich einen stärkeren, länger nachwirkenden Impakt haben als positive Meldungen.

Echte Baustellen der Digitalisierung

Alles also nicht so schlimm, vielleicht gar „Fake News“? Nein, sicherlich nicht. Das wäre ähnlich über-vereinfacht wie die mediale Herangehensweise an die Digitalisierung. Tatsache ist, dass Deutschland definitive digitale Großbaustellen hat:

1.Politik. So sehr das Fortkommen der Digitalisierung Einzug in die Agenden aller Parteien fand, so sehr ist es auch Tatsache, dass das Thema:

a) über viele Jahre stiefmütterlich behandelt wurde, es
b) über weite Strecken an Entschlussfreudigkeit mangelte und mangelt und
c) selbst in den Ministerien ein häufig zu geringes Verständnis dafür aufgebracht wird, was Digitalisierung eigentlich bedeutet.

Das Ergebnis ist, dass die Probleme lange nicht erkannt und zu halbherzig angegangen wurden. Für viele Experten lässt sich dies mit einem zu geringen Fokus auf mittel- und langfristige Politik zugunsten kurzfristig vorzeigbarer Erfolge zwecks Machterhalt erklären. Ein Präferieren gutaussehender Maßnahmen gegenüber gut Wirkenden.

 

2.Die Wirtschaft. Dabei muss man feststellen, sind nicht wir von der Industrie das Problem. Die deutsche Industrie hat von allen Wirtschaftsbereichen nicht nur am ehesten die Herausforderungen der Digitalisierung verstanden, sondern auch appliziert.

Der Erfolg: Industriell gehört die Bundesrepublik tatsächlich sogar zu den internationalen Digital-Spitzenreitern.

Doch auch wenn KMUs sich erfolgreich anpassen, ist der wirtschaftliche Digitalisierungsgrad meist umso geringer, je kleiner der Betrieb ist – die große Masse der deutschen Wirtschaft. Auffallend häufig fehlt es an einer Verständnis-Basis, was die Digitalisierung überhaupt bringt. Ausgehend davon herrscht dann ein Denken nach dem Motto „kennen wir nicht, brauchen wir nicht“ vor, das so in anderen Ländern ungleich geringer ausgeprägt ist.

 

3) Die Infrastruktur. Entscheidungen über Technologien, Konzepte und auch die Anbieterauswahl werden immer komplexer. Es sind nicht nur das reine DSL-Signal und die dahinterliegenden einfachen Systeme die klassisch verglichen, eingekauft und installiert werden müssen. Der technische Wandel erfordert neben einer ganzheitlichen Planung ein Zusammenspiel mehrerer Provider. An dieser Stelle haben wir eine Darstellung der unterschiedlichen Typen gefunden. Neben dieser Vielfalt, die aufgrund der erworbenen Lizenzen bei den Internet-Netzbetreibern durch die Politik und auch langjährige Monopolstellung des ehemaligen Staatsunternehmen Telekom begrenzt ist, wird die Absicherung der Systeme hinsichtlich Cyber- und Industrial Security immer wichtiger.

 

4.Die Versteigerungspolitik. In Deutschland ist es beim Mobilfunk gängige Praxis, die benötigten Frequenzen an den Meistbietenden zu versteigern (Jüngstes Beispiel siehe 5G-Lizenzen). Sinn und Zweck ist es, der Staatskasse erkleckliche Summen einzubringen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass das Prinzip Innovation und zügigen Ausbau hemmt, weil es kleine Anbieter benachteiligt. Aus dem gleichen Grund ebnet es ungesunden Monopolbildungen den Weg. Der dritte große Nachteil: Die Netzbetreiber müssen vollkommen überflüssige Milliardensummen ausgeben, die für den kommenden Ausbau fehlen und zu erhöhten Preisen führen, um die Ausgaben wieder einzuspielen. Gerade beim Thema 5G, der Schlüsseltechnologie für die digitale Zukunft, zeigt sich das besonders dramatisch, weil die hierfür nötigen Frequenzen vergleichsweise geringe Reichweiten haben; es ist also eine hohe (= teure) Sendemastdichte vonnöten und zudem eine kompromisslose Glasfaser-Anbindung derselbigen.

5.Denkmuster. Ohne verallgemeinern zu wollen ist Deutschlands Bevölkerung in der Masse digitalen Techniken eher weniger aufgeschlossen gegenüber. Zwar wäre es überzogen und falsch, von gedanklicher Rückständigkeit zu sprechen. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass diejenigen Nationen, die global immer als digitale Spitzenreiter genannt werden, auch eine deutlich „digitalpositive“ Gesellschaftshaltung vorweisen können – und das vollkommen unabhängig vom Median-Alter, wie Südkorea und Japan beweisen; beide haben mit hoher Überalterung zu kämpfen, Japan gilt zudem als das Land mit dem weltweit höchsten Überalterungsgrad. In Deutschland hingegen herrscht generell eine skeptische bis ablehnende Grundhaltung gegenüber Neuem vor, wozu natürlich auch Digitalisierung zählt. In der Folge sehen viele Experten das Problem, dass an der Wahlurne nicht der notwendige Elan für digitale Entwicklung gezeigt wird, sondern andere Themen.

Insgesamt muss man trotz dieser “digitalen Baustellen“ auch ein großes „Aber“ einfügen: Gerade was die medialen Meldungen und die breitgesellschaftlichen Ansichten anbelangt, wird Deutschland häufig schlechter gemacht, als es der Realität entspricht.

So fand der US-Telekommunikationsriese Cisco Systems erst jüngst bei den Arbeiten zum globalen Digital Readiness Index heraus, dass Deutschland tatsächlich insgesamt auf einen sehr guten sechsten Rang kommt, was die generelle „digitale Reife“ anbelangt – aber eine überwältigende Majorität (62%) der Deutschen gefühlt der Ansicht ist, dass das Land sich im globalen Vergleich auf den hintersten Rängen befände.

Zusammengefasst zum Status Quo der Digitalisierung

Realität und gefühlte Realität sind selten deckungsgleich, das gilt auch bei der Digitalisierung in Deutschland. Vor allem die Industrie kann hier durchaus mit stolzgeschwellter Brust vorangehen, hier gibt es praktisch nichts zu kritisieren. Und obgleich Deutschland definitive digitale Lücken hat, deren Hintergründe zu einem bedenklich hohen Anteil in politischem Lavieren und „Filz“ zu finden sind, gibt es auch für den gesamten Digitalisierungsgrad weniger zu kritisieren, als man vielfach annehmen sollte.

Allerdings muss man sagen: Erst seit jüngster Zeit, zuvor wurde tatsächlich vieles falsch gemacht. Doch es gilt auch „besser spät als gar nicht“. Und wo es selbst die deutschen Amtsstuben zu teils 40 % schaffen, digitale Anträge zu ermöglichen, scheint die Talsohle durchschritten.

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