Industrie & Digitalisierung: So unterschiedlich entwickeln sich die einzelnen Branchen

Industrie Digitalisierung

Das Jahr 2020 hat der Digitalisierung einen enormen Anschub gegeben. Unter dem Druck geschlossener Geschäfte, veränderter Lieferketten und abwesender Mitarbeiter haben sich sehr schnell neue Wege gebildet. Es wurde offensichtlich, dass im Zusammenhang mit der Digitalisierung zum Teil recht große Defizite bestehen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat hierzu ein Gutachten erstellen lassen. Wie unterschiedlich sich die einzelnen Branchen entwickeln, ist jetzt Thema.

Der Digitalisierungs-Index: Das steckt dahinter

Der Digitalisierungs-Index bildet jene gesammelten Daten ab, die Informationen rund um die Entwicklung der Digitalisierung in Deutschland liefern. In jährlichen Abständen wird der Index aktualisiert. Es stehen Branchen, Unternehmensgrößenklassen, Bundeslandgruppen und Regionstypen im Fokus. Die erhobenen Daten lassen sich auf unternehmensinterner Basis aber auch auf unternehmensexterne Aspekte herunterbrechen.

Unternehmensinterne Punkte im Digitalisierungs-Index

die unternehmensinterne Punkte umfassen die Kategorien Prozesse, Produkte, Geschäftsmodelle, Qualifizierung sowie Forschungs- und Innovationsaktivitäten, die wir wie folgt beschreiben:

  • Prozesse

In dieser Kategorie ist ablesbar, wie weit die Prozessdigitalisierung in den Unternehmen fortgeschritten ist. Dabei werden auch externe Vernetzungen berücksichtigt.

  • Produkte

Hier wird abgebildet, ob eine Firma digitale Leistungen und Produkte anbietet.

  • Geschäftsmodelle

Diese Kategorie zeigt, inwieweit Firmen ihre Geschäftsmodelle auf digitalen Strukturen aufbauen.

  • Qualifizierung

Hier wird festgehalten, ob Mitarbeiter ausreichend für die Digitalisierung ausgebildet sind und wie es um die Weiterbildung bestellt ist.

  • Forschung- und Innovationstätigkeit

In dieser Kategorie ist ablesbar, in welchem Umfang Forschungsaktivitäten vorangetrieben und deren Ergebnisse verwendet werden.

Unternehmensexterne Punkte im Digitalisierungs-Index

Im Bereich der unternehmensexternen Punkte findet sich die technische Infrastruktur, der administrative/rechtliche Rahmen, die Gesellschaft, Human Resources und die Innovationslandschaft. Folgende jeweiligen Details erläutern wir wie folgt:

  • Technische Infrastruktur

Hier ist ablesbar, welche technischen Lösungen eingesetzt werden, um mit allen Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette vernetzt zu sein. (z. B. Breitbandnetzanbindung)

  • Administrativ-rechtliche Rahmenbedingungen

Es wird dargestellt, inwiefern auf politischer Ebene Gesetze und Vorschriften existieren, welche die Fragen der Digitalisierung regeln. Außerdem wird erfasst, wie der Status quo an der Schnittstelle zwischen Verwaltung und Wirtschaft ist.

  • Gesellschaft

Wie steht die Gesellschaft der Digitalisierung gegenüber, wie ist die Akzeptanz zur Nutzung digitaler Lösung? Diese Aspekte werden in dieser Kategorie dargestellt.

  • Human Resources

Hier wird verzeichnet, wie gut Arbeitskräfte mit digitalen Kompetenzen ausgestattet sind und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Ob und inwieweit unser Bildungssystem ausreichend qualifizierte Fachkräfte auf den Markt bringt, ist ebenfalls inkludiert.

  • Innovationslandschaft

Damit Unternehmen digital handeln können, muss das Umfeld entsprechend gestaltet sein. In dieser Kategorie wird entsprechend abgebildet, wie innovativ in Hinsicht auf die Digitalisierung die Arbeitsumgebung ist und wie leicht Firmen auf Forschungsergebnisse zugreifen und diese nutzen können.

Ausführliche Ergebnisse des Digitalisierungs-Index finden sich auf de.digital. Hier lassen sich die Ergebnisse unter anderem nach Branchen, Unternehmensgröße, Bundesländer und Regionstypen clustern.

Digitialisierungsindex Infografik

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Branchen in Sachen Digitalisierung?

Die Untersuchung des Digitalisierungsgrads in den Branchen zeigt, dass es deutliche Unterschiede gibt. Der Index umfasst insgesamt zehn Branchen, die in der folgenden Liste von oben nach unten bereits nach dem Maß der Digitalisierung sortiert sind:

  1. Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT)
  2. Fahrzeugbau
  3. Elektrotechnik und Maschinenbau
  4. unternehmensnahe Dienstleister
  5. Grundstoffe, Chemie und Pharma
  6. Verkehr und Logistik
  7. Handel
  8. Sonstiges verarbeitendes Gewerbe (beispielsweise Textilindustrie)
  9. Tourismus
  10. Sonstiges produzierendes Gewerbe (beispielsweise Baugewerbe)

Bezüglich des Digitalisierungsgrads gibt es einen klaren Vorreiter. Es ist die IKT-Branche mit einem überdurchschnittlich hohen Wert von 273. Dieser orientiert sich am Durchschnittswert aller Branchengruppen, der bei 100 liegt. Daraus lässt sich schließen, dass der Digitalisierungsgrad in der IKT 2,7-mal höher liegt als der Durchschnitt quer durch alle Branchen.

Der Fahrzeugbau folgt mit 193, danach kommen Elektrotechnik und Maschinenbau mit 144,3 und unternehmensnahe Dienstleistungen mit 135. Grundstoffe, Chemie und Pharma liegen mit einem Index von 99,4 genau im Durchschnitt. Die restlichen Branchen ordnen sich allesamt ungefähr zwischen einem Indexwert von 65 und 75 ein. Das Schlusslicht bildet das Sonstige produzierende Gewerbe mit einem Digitalisierungsindex von 55,6.

Knapp 50 Prozent der Betriebe forcierten ihre digitale Infrastruktur 2020

Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich, dass knapp die Hälfte aller Unternehmen im Corona-Jahr 2020 die firmeninternen und externen digitalen Strukturen in Rekordzeit anpassten. Insofern hat sich die Digitalisierungswüste Deutschland einen deutlichen Schritt in die richtige Richtung verändert. Die Betriebe mussten ihre Wertschöpfungsketten überdenken und beispielsweise digitale Lösungen zur Kommunikation im Allgemeinen und zum Kundenbeziehungsmanagement im Konkreten finden.

Digitalisierungsprojektbeispiel in der Flachglasverarbeitung

Wer auf der Suche nach geeigneten Tools und Lösungen ist, um die Digitalisierung in der eigenen Firma voranzutreiben, fragt sich zu Recht, wo am besten anzufangen ist. Hinsichtlich der Digitalisierung ist prinzipiell jeder Geschäftsbereich wichtig. Abhängig von der eigenen Branche greifen allerdings unterschiedliche Lösungen. Diese müssen individuell zum Unternehmen passen. Ein gutes Projektbeispiel, wie sich die Prozesse im Bereich der Flachglasverarbeitung und -veredelung digitalisieren lassen, fassen wir wie folgt kurz zusammen:

Digitalisierung - Fachglasverarbeitung

Eine Software für Business Management dient dazu, die Angebots- und Auftragsdaten zu verwalten und auszuwerten. Das Ziel war es, ein digitale Auftragsmanagement für die Glasindustrie zu realisieren. Eng verzahnt wurde die digitale Auftragsverwaltung mit den Glasanlagen und der Montage. Somit ergab sich eine Lösung beginnend auf der digitalen Ebene für Entwurf, Angebot, Planung und Verrechnung der Glasanlagen. Mithilfe eines Konstruktionsprogramms können nun diverse Produktvarianten definiert werden und das vollintegriert in die Auftragsbearbeitung und Fertigungsplanung. Alternativ könnte dies auch als abgekoppelte Standalone-Lösung realisiert werden. So spezifisch die beschriebene Lösung im obenstehenden Beispiel auch ist, so flexibel ist sie. Je nach Auftrag und Kunde lassen sich die durchdachten digitalisierten Prozessketten individuell anpassen.

Retrofit von Gebrauchtmaschinen als Digitalisierungsweg

Dieses Beispiel wäre natürlich der Idealfall, der nur die vollständige Digitalisierung vor Augen hat. Ganz realistisch ist das in vielen Unternehmen nicht, da derartige Vorgänge sehr kapitalintensiv sind, vor allem wenn ganze Produktionsketten betroffen sind und ausgetauscht werden müssten. Zur Überbrückung gibt es jedoch häufig die Möglichkeit zum Retrofitting, was den Vorteil hat, deutlich kostengünstiger zu sein. In nachfolgend verlinkten Interview sind wir auf interessante Erfahrungsschätze gestoßen. So werden regelmäßig gebrauchte Maschinen, ab einem gewissen Baujahr zur Glasverarbeitung nachträglich digitalisiert und die Betriebssoftware auf den neuesten Stand gebracht, wodurch sich die Lebensdauer der gebrauchten Maschinen deutlich verlängert. Hochwertige Maschinen, die noch 10-15 Jahre arbeiten können, konnten als Digitalisierungsweg deutlich günstiger angeboten werden und gleichzeitig zur nachhaltigen Produktion beitragen.

 

Wo mit der Digitalisierung anfangen?

Wer sich fragt, wo mit der Digitalisierung anzufangen ist, startet am besten damit, sich die individuellen Firmenprozesse transparent aufzuschlüsseln. Welche Abteilungen gibt es und welche Stellenwerte nehmen sie ein? Im Zuge der Digitalisierung werden jedoch auch manche Abteilungen obsolet oder verändern ihre Inhalte.

Angefangen vom Management über Human Resources, Administration und Finanzen, Rechtsabteilung, Forschung und Entwicklung, Fertigung und Produktion, Qualitätssicherung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu IT, Verkauf, Logistik und Kundenbetreuung lässt sich jede Abteilung neu denken. Während es eine Sache ist, abteilungsinterne Prozesse zu digitalisieren ist es eine andere, die Schnittstellen der Abteilungen untereinander sowie die Schnittstellen zu externen Stakeholdern wie Lieferanten und Kunden zu digitalisieren. Hier ist es wichtig eine umfassende und vorausschauende Planung zu verfolgen, damit die Prozesse über alle internen und externen Grenzen hinweg möglichst reibungslos verlaufen.

Tipp: Zuschüsse beantragen

Die Bundesregierung hat Förderprogramme aufgelegt, die die Digitalisierungsberatung durch erfahrene Profis bezuschusst. Dazu gehört zum Beispiel das Programm „Unternehmensberatung”, welches über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle läuft. Mit dem Programm „Digital Jetzt“ können Firmen im Anschluss daran bis zu 50.000 Euro für die Umsetzung der Digitalisierungsmaßnahmen als Zuschuss erhalten. Neben diesen Programmen gibt es noch zahlreiche andere öffentliche Programme, die in der Förderdatenbank des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie stets in aktueller Fassung zu finden sind.

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