Industrie-KI trifft Physical AI | Robotik-Beispiele aus der Praxis

In unserem letzten Artikel Industrie-KI | Impulse und Beispiele ging es um Werkzeugtracking und erste Ansätze vernetzter KI-Systeme. Auf der Hannover Messe 2026 war davon wenig übrig, das noch als eigenständiges Ausstellungsthema lief. KI steckt inzwischen in fast jeder Robotik- und Fertigungslösung, die auf der Hannover Messe 2026 gezeigt wurden. Der Begriff dafür lautet Physical AI. Der Unterschied zur klassischen Industrie-KI ist konkret. Bisher wertete KI die Daten aus und gab Empfehlungen weiter, ein Mensch hat dann entschieden und gehandelt. Physical AI übernimmt den zweiten Schritt selbst. Das System nimmt seine Umgebung wahr und greift direkt ein, ohne dass jemand die Handlung noch einzeln freigeben muss. Dieser Artikel zeigt ein paar Beispiele auf, an denen sich das gut zeigen lässt.

Autor: Thomas W. Frick (LinkedIn-Profil / Xing-Profil)

Lesempfehlung: Unser Fachartikel zur Industrie-KI.

Humanoide Roboter in der Serienfertigung

Im BMW-Werk Leipzig läuft seit diesem Jahr ein Pilotprojekt mit dem humanoiden Roboter AEON. Er bringt Material an die Fertigungslinie und übernimmt einfache, sich wiederholende Handgriffe.

Bildliche Untermauerung: 1,65 Meter groß, 60 Kilogramm schwer, bis zu 2,5 Meter pro Sekunde in der Halle unterwegs.

Gesteuert wird er von einem KI-Agenten, der aus laufenden Daten lernt und die Bewegungssteuerung übernimmt. Das Ziel ist es, die Künstliche Intelligenz nicht im Serverraum eingesperrt zu lassen, sondern direkt an der Fertigungslinie sichtbar zu machen.

Ein zweites Beispiel kommt aus Bayern. Agile Robots fertigt dort seit Anfang 2026 den humanoiden Roboter Agile ONE in einer eigenen Produktionsstätte.

Kernstück: Eine Roboterhand mit hoher Kraftsensitivität, kombiniert mit einem KI-Modell, das auf echten Industriedaten trainiert wurde.

Firmengründer Zhaopeng Chen bringt den eigentlichen Punkt auf den Nenner: Der Wert liegt nicht im einzelnen Roboter, sondern darin, dass jede Maschine im System von den anderen mitlernt.

Roboterflotten, die gemeinsam trainieren

Neura Robotics und Amazon Web Services haben eine Partnerschaft angekündigt, die genau dieses Prinzip technisch umsetzt. AWS stellt die Cloud-Infrastruktur, auf der die Plattform Neuraverse läuft. Dort werden Daten in Echtzeit verarbeitet und für ganze Gruppen vernetzter Industrieroboter zugänglich gemacht. Über die Trainingsumgebung Neura Gym lassen sich Modelle auf unterschiedliche Maschinen übertragen, ohne dass jede einzeln neu programmiert werden muss.

Für die Praxis heißt das: Ein Roboter, der an einer Station einen Fehler lernt zu vermeiden, gibt dieses Wissen an die gesamte Flotte weiter. Das ist ein anderer Ansatz als das bisherige Muster, bei dem jede Maschine für sich programmiert und optimiert wurde.

Ein Cobot, der beim Schweißen zuhört

Nicht jedes Beispiel braucht einen Humanoiden. An der TU Ilmenau lief im Projekt QualiBolS eine Untersuchung zu Bolzenschweißprozessen.

Ergebnis: Selbst kurze Schweißvorgänge erzeugen charakteristische Klangmuster, aus denen sich per KI die Qualität des Ergebnisses ableiten lässt, auch dort, wo das menschliche Ohr keinen Unterschied mehr hört.

Die ALPAKA GmbH & Co. KG hat das in einen mobilen Schweiß-Cobot eingebaut. Das Mikrofon läuft mit, die KI wertet die Schweißnaht akustisch in Echtzeit aus und erkennt Fehler noch während des Prozesses, nicht erst bei der nachgelagerten Prüfung. Die Klangdaten liefern dabei sogar erste Hinweise auf die Fehlerursache. Wenig Sensorik, klarer Nutzen, überschaubarer Aufwand in der Umsetzung.

Für den Mittelstand relevant: Trainingsdaten und vortrainierte Modelle aus großen Industrieprozessen liegen zunehmend auf Cloud-Plattformen bereit, auf die auch kleinere Fertigungsbetriebe zugreifen können. Prädiktive Qualitätskontrolle war lange großen Konzernen vorbehalten, das ändert sich gerade.

Robotik als Werkzeug für den Mittelstand

Das Konstanzer Unternehmen fruitcore robotics zeigt, wie sich das im Maschinenbau niederschlägt. Mit der Roboterserie HORST positioniert sich das Unternehmen zwischen klassischen, komplexen Industrierobotern und einfachen Cobots. Die Systeme sind so ausgelegt, dass sie ohne eigenes Robotik-Entwicklungsteam eingesetzt werden können.

Trotzdem gilt ein Punkt, der schon im ersten Artikel zum Werkzeugtracking stand. Ohne saubere Datenstruktur bringt die beste Robotik wenig. Wer heute in humanoide Systeme oder KI-gesteuerte Roboter investiert, sollte zuerst die eigenen Prozesse und Daten in Ordnung bringen. Das ist weniger die Ausnahme als die Regel, an der die meisten Projekte in der Praxis hängen bleiben.

Die Entwicklung in den letzten drei Jahren, nach unserem KI-Industrie Artikel

Der Unterschied zum letzten Artikel vom 29. August 2023 liegt in der Rolle. die KI übernimmt.

Sie bleibt nicht mehr im Hintergrund als Auswertungswerkzeug, sondern steuert direkt Bewegungsabläufe, sei es bei humanoiden Robotern in der Automobilproduktion, bei vernetzten Roboterflotten in der Cloud oder bei einem Schweiß-Cobot, der auf Klangmuster reagiert. Wer davon profitieren will, kommt an eine belastbare digitale Datenbasis und klar definierte Prozesse nicht vorbei, bevor Roboter und KI überhaupt zusammenarbeiten können.

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